„Früher war alles besser“ ist so ein Spruch, der trotz aller Abgestandenheit erstaunlich oft in Gesprächen aufs Tablett kommt. Meistens wird er nicht als, klar erkennbarer, „Früher was alles besser“-Irrtum geäußert, sondern verkleidet als „Die Menschen sind so rücksichtslos geworden“, „Die Politiker sind ja auch nicht mehr, was sie mal waren“ oder „Jeder denkt ja nur noch an sich“.
Jetzt mag es ja sein, dass sich der ein oder andere Aspekt des Lebens in den vergangenen Jahrzehnten nicht zu seinem Vorteil entwickelt hat. Ganz sicher fällt mir aber ein Produkt ein, das früher auf gar keinen Fall besser war, sondern in der Regel so grauenerregend furchtbar, dass mir noch heute, beim Gedanken daran, die Haare zu Berge stehen.
Die Rede ist von Körnerbrötchen.
Als meine Mutter Mitte der Achtziger Jahre anfing, mich in so genannte Reformhäuser mitzuschleppen, war ich, zugegeben, in einem schwierigen Alter.
Teenager eben.
Reformhaus-Horror
Nichts desto trotz war mir instinktiv schon damals klar, dass von Orten, die so seltsam riechen wie es die Reformhäuser dieser Zeit eben getan haben, nichts Gutes ausgehen kann. In diesen Reformhäusern gab es, neben vielen extrem ungesund aussehenden Kunden, so genannte Körner-, später Vollkorn- und noch später Vollwertbrötchen.
Die jeweiligen Bäcker hatten der, vermeintlichen, Gesundheit ihrer Produkte alle anderen Produkteigenschaften völlig untergeordnet: Essbarkeit, Geschmack, Genuss. Alles völlig Wumpe. Es gab sogar Varianten, bei denen man auf das hoch-toxische Teufelszeug „Salz“ komplett verzichtet hatte.
Nun habe ich, seit ich selber entscheiden kann, welche Geschäfte ich betreten möchte und welche nicht, die Reformhäuser gemieden wie der sprichwörtliche Teufel das Weihwasser. Insofern mag es sein, dass auch die Reformhaus-Brötchen in den vergangene Jahrzehnten eine Entwicklung zum Besseren vollzogen haben.
Hin und wieder bekommen wir allerdings bei biologisch-dynamischen Freunden Brötchen vom Bio-Laden zu essen, und die sind, in der Regel, erfreulich lecker, saftig und mit Genuss zu essen.
Selber machen ist besser
Für unsere kleine Familie ziehe ich dennoch selbst gemachte Brötchen vor. Denn Körnerbrötchen und -brot sind so wunderbare Spielweisen für experimentierfreudige Hobbybäcker, dass es für mich persönlich schlicht kaum notwendig ist, diese Produkte irgendwo zukaufen.
Im Folgenden findet Ihr mein Basis-Rezept, dass so zu den absoluten Favoriten der Familie gehört und wahnsinnig variabel ist.
Zum Rezept
Ist das Brühstück wirklich notwendig?
Im Prinzip schon.
Durch das Übergießen der Körner mit kochendem Wasser verquellen die Körner schon vor der Stockgare. Das hat deutlich positive Auswirkungen auf das Kau- bzw. Mundgefühl der fertigen Brötchen. Um es ganz einfach zu sagen: man eliminiert das Risiko, auf unzureichend verquollenen, sprich: harten, Körnern herum zu kauen.
Außerdem erhöhst Du die Qualität des Teiges. Denn gibt man die Körner erst beim Kneten zum Teig dazu, verquellen die Körner erst während der Stock- und der Stückgare. Dadurch kann es passieren, dass der Teig austrocknet und/ oder es zu Mängeln bei der Gare kommt.
Welche Körner/ Saaten kann ich nehmen?
Grundsätzlich kannst Du alle Körner und Saaten verarbeiten, die essbar sind.
Der Phantasie und Kreativität sind hier kaum Grenzen gesetzt. Grundsätzlich solltest Du beachten, dass einige Körner, z.B. schwarzer Sesam, sehr intensiv schmecken. Das kann man mögen, muss man aber nicht.
Bei uns zuhause hat sich die Mischung Kürbiskerne – Sonnenblumenkerne – Leinsamen – weißer, geschälter Sesam zu jeweils 25% Anteil an der Gesamtmischung als ideal etabliert.
Grundsätzlich gut gehen aber auch.
- Mohn
- Pinienkerne
- Haferflocken
- Dinkel, Roggen- und Weizenkörner
Wie kommen die Körner am besten in den Teig?
Wie meistens im Leben gibt es hier eine einfache und eine etwas kompliziertere Variante.
Die Wahl der Methode hängt im Wesentlichen davon ab, wie wichtig es Euch ist, die Körner im Ganzen in den fertigen Brötchen zu haben.
Wer es schnell und einfach bevorzugt und damit leben kann, dass insbesondere größere Körner während der Knetens zerkleinert werden, der knetet einfach das Brühstück mit wie im Rezept beschrieben. So einfach – so gut.
Wem intakte Körner wichtig sind, der knetet den Teig ohne das Brühstück und stellt den fertigen Teig zur Gare an.
Nach 30 Minuten wird der Teig dann laminiert. Beim Laminieren zieht man den Teig maximal auseinander und klappt ihn im Anschluss wieder zusammen. Ziel ist, den Teig so dünn wie möglich zu ziehen ohne das er reißt. Wenn Ihr den Teig auf seine maximal mögliche Größe gezogen habt, verteilt Ihr das Brühstück möglichst gleichmäßig auf dem Teig und faltet ihn im Anschluss wie zusammen. 30 Minuten später könnt Ihr – wie gewohnt – weiter dehnen und falten.
Mir persönlich ist diese Methode zu aufwändig. Aber das ist tatsächlich Geschmackssache.
Kann man mehr Körner nehmen?
Ja!
Man kann den Körner-Anteil erhöhen. Das Vorgehen ist einfach: du nimmst mehr Körner und reduzierst die Mehlmenge um genau dieses Gewicht. Beispiel: Du erhöhst den Anteil der Körner von 125 auf 175g, dafür reduzierst Du das Mehl im Hauptteig um 50g auf 325g.
Für mich persönlich liegt die Grenze bei einem Körner-Anteil von 30% am Gesamtgewicht Körner + Mehl. Grundsätzlich kann man aber noch mehr Körner nehmen.
Muss es unbedingt Roggenschrot sein?
Nein.
Für Roggenschrot wird das Getreide nur grob zerkleinert/ geschrotet. Es enthält viele Schalenanteile. Schrot ist sehr nährstoffreich und ergibt sehr kernige, rustikale Brote und Brötchen. Ich persönlich mag das sehr. Wer aber keinen Roggenschrot zuhause hat und auch nicht für dieses Rezeopt extra welchen bestellen will, der kann den Roggenschrot problemlos durch Roggenvollkornmehl ersetzen.

Körnerbrötchen step-by-step






ziel

Körnerbrötchen
Zutaten
Brühstück
- 90 g Gemischte Körner
- 35 g Roggenschrot
- 125 g Wasser, kochend
Hauptteig
- Brühstück, vollständig abgekühlt
- 375 g 550er Weizenmehl, ggfs. backstarkes Weizenmehl, z.B. Tipo 0 o.ä.
- 220 g Wasser
- 50 g Wasser (Bassinage)
- 1 EL Anstellgut
- 14 g Salz
- 20 g Olivenöl
- 2,5 g Hefe
Anleitungen
Brühstück
- Die Körner und das Roggenschrot mischen, mit dem kochenden Wasser übergießen und nochmals durchrühren. Abgedeckt abkühlen lassen. Das Kochstück erst weiter verarbeiten wenn es komplett abgekühlt ist.Das Kochstück kann problemlos einen Tag im Kühlschrank gelagert werden.
Hauptteig
- Mehl und Wasser mischen. Mindestens 30 Minuten zur Autolyse anstellen (warum die Autolyse wichtig ist und worauf Du achten solltest, erfährst Du in diesem Video).
- Im Anschluss alle weiteren Zutaten bis auf die 50g Wasser (Bassinage) dazu geben.
- Variante ThermomixAlle weiteren Zutaten dazu geben. Im Thermomix 90 Sekunden im Linkslauf kneten.
- Variante Küchenmaschine (Kenwood & Co.)Den Teig erst 3 Minuten auf niedrigster Stufe, dann weitere 5 – 10 Minuten auf zweiter Stufe zu einem glatten, gut dehnbaren Teig kneten.
- Die restlichen 50g Wasser gibst Du erst peu-a-peu dazu, wenn der Teig sich von der Schüsselwand gelöst hat und ausreichend stabil erscheint. Je nach verwendetem Mehl kann der Teig etwas weich werden. Wenn Du das Gefühl hast, das Dein Teig zu weich wird, gibst Du die 50g Bassinage gar nicht oder nur zeilweise zum Teig.
- Es ist wichtig, dass der Teig optimal ausgeknetet ist. Denn nur dann bekommst Du einen guten Ofentrieb und eine schöne Krume. Dafür muss sich der Teig von der Kesselwand lösen und den Fenstertest bestehen. Wie Du das überprüfen kannst, erfährst Du in diesem Erklärvideo.
- Den Teig abgedeckt bei Raumtemperatur eine Stunde "anspringen" lassen. Dabei alle 15 Minuten dehnen und falten (Dehnen & Falten ist ein wichtiger Arbeitsschritt beim Brotbacken. Warum das so ist und wie es funktioniert erfährst Du in diesem Erklärvideo).
- Den Teig 24 – 48 Stunden bei 3 – 4 Grad im Kühlschrank lagern. Je länger (und je wärmer) Ihr den Teig lagert, desto zügiger müsst Ihr ggfs. beim Formen und bei der Stückgare arbeiten.Für Gehzeiten über 24 Stunden im Kühlschrank empfiehlt sich ein backstarkes Mehl, zum Beispiel das italienische Tipo 0 violett oder das backstarke Mehl der Biomühle Eiling.
- Den Teig aus dem Kühlschrank nehmen.Den Teig vorsichtig aus der Schüssel lösen, auf eine gut bemehlte Arbeitsfläche geben und in drei Teile teilen.Die drei Teile jeweils zu Zylindern formen und 15 Minuten abgedeckt entspannen lassen.
- Die Zylinder in jeweils 3 – 4 Teiglinge teilen und vorsichtig rund schleifen (Wie Du Teiglinge am besten rund schleifen kannst, erfährst Du in diesem Video.)Die Teiglinge in der Körnermischung vorsichtig wälzen. Weitere 15 – 30 Minuten abgedeckt ruhen lassen.
- Die Teiglinge einschneiden und 20 Minuten im Dampf von 250 Grad auf 220 Grad fallend backen.Den Dampf nach 10 Minuten ablassen.
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31 Comments
Marie
15. November 2021 at 17:45Hallo Oliver,
wie formst du die Brötchen, dass sie so der Länge nach aufreißen?
Mir gefällt das sehr gut, aber die Vorgehensweise ist mir nicht klar. Zylinder formen, dann dritteln – und danach?
Viele Grüße
Marie
Organisation mit Sabine
11. Dezember 2021 at 15:41vielen Dank für das ausführliche Rezept und besonders die Idee mit dem Beispiel-Zeitplan finde ich toll. 🙂
Liebe Grüße
Sabine
Brigitte75
19. Dezember 2021 at 12:11Habe am Freitag das Rezept für die Brötchen entdeckt (hatte zu viel Sauerteig – der sollte verarbeitet werden).
Ich wollte aber unbedingt noch am gleichen Tag backen – daher habe ich den Versucht gestartet und einfach 10 Hefe zum Teig gegeben (und 60g vom 550er Mehl durch Hartweizengrieß ersetzt). Dann habe ich den fertigen Teig so ca. alle Stunde gedehnt und nach ca. 4 Std. Teigruhe die Brötchen geformt, nach weiteren 30-40 Minuten gebacken. Und ich muss sagen, ich bin von den Brötchen sowas von begeistert!
Sie sind super aufgegangen, haben eine tolle Kruste, sind innen schön fluffig und sehen aus wie vom Bäcker.
Das Rezept wird gespeichert und wieder zum Einsatz kommen.
Emily
6. Januar 2022 at 17:48Lieber Oliver, mit Vergnügen lese ich die Vorgeschichten, die sind ja mindestens so gut wie die Rezepte! Das muss auch mal gesagt werden… aber ich schätze auch die Erklärungen sehr. Eine beinahe wissenschaftliche Herangehensweise, die alle Fragen beantwortet. Vielen Dank !
Chris
6. Februar 2022 at 13:19Hallo,
die Brötchen sehen gut aus. Ich hab noch etwas Emmersauerteig über und möchte die Brötchen gerne damit backen. Da ich aber noch am Anfang stehe, was Sauerteig und Brötchen angeht, weiß ich nicht so recht wie viel ich vom Weizenmehl abziehen muß. Kannst du mir dabei behilflich sein?
Heike
17. Juli 2022 at 9:22Hallo Oliver,
ich fand dein Rezept für die Körnerbrötchen so lecker, dass ich mich gestern an die Zubereitung des Teiges gewagt habe. Nach dem kneten aller Zutaten war der jedoch noch so naß, dass er an den Händen klebte. Das dehnen und falten erschien mir so nicht möglich. Ich habe dann noch Mehl zugegeben, aber wahrscheinlich war das ein Fehler.
Vielleicht hast du eine Idee, was ich falsch gemacht habe. Die Zutaten habe ich alle genau abgewogen. Ist der Teig bei dir auch eher naß?
Viele Grüße
Heike
Sandra
22. August 2022 at 21:12Hallo,
die Brötchen sehen super lecker aus. Denkst du ich kann das Rezept eins zu eins übernehmen wenn ich sie mit Dinkelvollkornmehl backe?
Danke und liebe Grüße
Sandra
Petra
14. September 2022 at 12:31Hallo,
Mein Teig ist sehr klebrig. Kann es sein dass das Olivenöl nur zum ausfetten der Schüssel ist und nicht in den Teig kommt? Danke schon mal. Liebe Grüße
Grit Fehn
22. August 2023 at 17:33lieber oliver,ist das anstellige ein roggensauerteig??
Grit Fehn
22. August 2023 at 17:34anstellgut natürlich🙈
Sandra Denningmann
1. November 2025 at 12:53Hallo Oliver,
bei mir war der Teig leider auch sehr klebrig und ich habe wirklich gutes Typo 0 Mehl einer Mühle verwendet. Ich backe sehr viel Sauerteigbrot (kenne also wann ein Teig ausgeknetet ist) und auch mit Hefe habe ich viel Erfahrung, aber die Wassermenge ist schon recht viel im Vergleich zum Mehl und ich habe schon nur 250 g Wasser genommen, da es mir sehr viel erschien.Und zu keiner Zeit beim Kneten löste sich der Teig auch nur ansatzweise aus der Schüssel. Dehnen und Falten ging nur mit nassen Fingern.
Am nächsten Morgen konnte ich die Brötchen so gar nicht formen, da der Teig kaum seine Form hält. Habe mit Hilfe einer Teigkarte Portionen abgestochen und auf einem Stein gebacken. Geschmacklich lecker, aber beim nächsten Mal nehme ich deutlich weniger Wasser
Christa
10. November 2025 at 9:34Hallo Oliver,
aktuell habe ich leider kein Anstellgut verfügbar.
Dient es im Rezept zusätzlich als Triebmittel oder ist es nur ein zusätzlicher Geschmacksträger?
Könnte man das Rezept auf eine reine Hefevariante umbauen?
Vielen herzlichen Dank für deine Arbeit,
Christa
Helga
26. Februar 2026 at 12:36Hallo Oliver,
Dein Rezept ist sehr, sehr lecker!!
Zur Wassermenge ist alles gesagt.
Beim nächsten mal weniger Wasser.
Zum 1. mal habe ich Pate Fermentee verwendet.
Meine meine Gäste werden begeistert sein.
Vielen Dank
Helga
Helga
1. März 2026 at 20:23Guten Abend Oliver,
meine Gäste haben mich mit Komplimenten
überschüttet und alle Brötchen aufgegessen bzw. nach Hause mitgenommen.
Nochmal vielen Dank für dieses spektakuläre Rezept, das ich künftig 1 mal pro Woche backen werde.
Habe übrigens mit Ruchmehl und Manitoba Mehl gebacken
Viele Grüße
Helga
Verena Kuen
17. März 2023 at 20:19Hey ich wollte nur kurz fragen wie viele od welche Körner ich für das Wälzen vor dem backen nehme?
Sandra
28. August 2022 at 12:49Hallo Oliver, danke für deine Rückmeldung. Ich hab die Brötchen jetzt mit 200g Dinkelvollkornmehl und den Rest mit Weizen 550 gebacken. Sind sehr lecker. Vielen Dank. Sandra
Christa
10. November 2025 at 10:01Hallo Oliver,
besten Dank für deine schnelle Antwort,dann werde ich mal loslegen!
Ich freu mich schon!
Viele Grüße,
Christa